Ein Hoch auf die Schweizer Presse

Bei meinem Auslandsaufenthalt in der Schweiz fielen mir viele Dinge auf, die dort „e bitzeli“ anders waren. Um nur einige zu nennen: Die Menschen begegneten einander sehr freundlich, im Straßenverkehr war es deutlich enger und es gab mehr Schnee. Besonders spannend fand ich – neben den beruflichen Erfahrungen – die Unterschiede in der Berichterstattung durch die schweizerische Presse. Mich erstaunte, welchen Stellenwert die Politik in der Bundesrepublik Deutschland dort hatte. Parallel zu unserer Bundestagswahl im September fanden in der Schweiz einige landesweite Abstimmungen statt. Eine davon behandelte die lange anhängige Reform der Alters- und Hinterlassenenversicherung, der obliga-torischen Rentenversicherung der Schweiz. Obschon diese Abstimmung in der Bevölkerung eine hohe Aufmerksamkeit hatte, wurde das Ergebnis vom Ausgang der Bundestagswahl fast verdrängt.

Das Ergebnis der Bundestagswahl war auch sonst noch tagelang Thema, sowohl in den Printmedien als auch im Fernsehen. Besonders spannend fand ich die schweizerischen Kommentare zum Abschneiden der AfD. Sie empfahlen aufgrund der Erfahrungen mit der Schweizerischen Volkspartei (SVP) vor allem einen entspannten Umgang mit der neuen politischen Kraft. Nach ihrer Erfahrung war insbesondere die Aufregung um die Erfolge der SVP und die damit verbundene Aufmerksamkeit ein Motor für deren weiteres Erstarken. Die Kommentatoren hofften, dass wir Deutschen aus den Fehlern der Schweizer lernen würden.

Als sehr wohltuend empfand ich einen für mich deutlich wahrnehmbaren Unterschied zwischen der schweizerischen und bundesdeutschen Bericht-erstattung: Die Schweizer trennten klar zwischen Information und Wertung. Dies galt nicht nur für Kommentare, sondern zum Beispiel auch für die Wortwahl in der eigentlichen Berichterstattung. Zudem bekamen Ansichten abseits des medialen Mainstreams Raum. Ein Interviewpartner äußerte im Zusammenhang mit den Paradise Papers, dass es zu den Aufgaben von Unternehmensleitungen gehöre, Schaden vom Unternehmen abzuwenden. Dazu gehöre auch, deren Steuerlast im legalen Rahmen zu minimieren. Entsprechend empfahl der Interviewpartner, genau hinzuschauen und zwischen Steuerminimierung und -hinterziehung zu unterscheiden. An eine vergleichbar sachliche Äußerung zum Beispiel im Zusammenhang mit den Panama Papers kann ich mich in den deutschen Massenmedien nicht erinnern.

Von Dr. Judith Tyczka