Kunstimbiss – Nahrung für Augen und Geist

Im Programm des Führungslehrgangs findet sich ein zunächst recht rätselhafter Programmpunkt: Der Kunst-Imbiss. Das Wort „Imbiss“ ließ vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern gleich das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ist bei der Stunde in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe eine verlängerte Mittagspause mit leckeren Häppchen gemeint? Lachsschnittchen vor Caspar David Friedrich, Blätterteigtaschen vor Wassily Kandinsky? Als bald klar wurde, dass wir „gegessen“ in der Kunsthalle erscheinen sollten, bot das Anlass zu weiteren Spekulationen: Bedeutet Imbiss, dass wir nur leicht Verdauliches serviert bekommen? Oder dass wie immer alles ganz ganz schnell gehen muss?

Erfreulicherweise entpuppte sich der Kunstimbiss als echte Auszeit und Inspirationsquelle – zu „einem Blick über den Tellerrand“, um eine im Führungslehrgang sehr häufig zitierte Redewendung zu gebrauchen. Engagierte und kenntnisreiche Mitarbeiterinnen der Kunsthalle haben uns die Sammlung in den unterschiedlichsten Facetten erschlossen, von der Architektur des Museums über Ölgemälde des Barock und Kreidezeichnungen des 18. Jahrhunderts bis hin zur modernen Kunst. Ein echtes Highlight war außerdem die Führung im Kupferstichkabinett. Hier haben wir unter anderem aus nächster Nähe einen wunderschönen Kupferstich Albrecht Dürers bewundert. Der Kunstimbiss war somit eine wundervolle Stärkung – und immer zu schnell vorbei.

Es verdient besondere Erwähnung, dass wir immer wieder Bezüge zu den Seminarthemen herstellen konnten. So lernten wir im Führungslehrgang das Kommunikationsmodell Friedemann Schulz von Thuns mit den „vier Seiten einer Nachricht“ kennen. Dieses Modell besagt, dass jede Nachricht (z.B. „Die Ampel ist grün“) beim Sender und Empfänger auf vier verschiedene Weisen wahrgenommen werden kann: Mit dem Sachohr („Sie ist grün, nicht rot“), mit dem Appell-Ohr („Fahr schneller, gleich wird’s rot!“), mit dem Selbstoffenbarungsohr („Ich bin heute echt ungeduldig“) oder dem Beziehungsohr („Immer schleichst Du so durch die Gegend!“). In der Kunsthalle haben wir überrascht festgestellt, dass sich auch schon Rembrandt van Rijn Gedanken über die unterschiedlichen Ohren gemacht hatte. In seinem Selbstbildnis in der Kunsthalle (um 1650) waren drei Ohren zu entdecken – zwei „normale“ vom aktuellen Selbstbildnis und ein weiteres von einem alten, darunter liegenden Gemälde, das Rubens einfach übermalt hatte. Auf das ordentliche Abkratzen und Säubern der wiederverwendeten Leinwand hatte er verzichtet – vielleicht war sein Tagesprogramm ähnlich straff wie im Führungslehrgang. Mit der Zeit verblassen die oberen Malschichten, so dass das zugrunde liegende Gemälde sichtbar wird. Wir sind uns ganz sicher, dass in einigen Jahren auch noch ein viertes Ohr sichtbar wird – und dann das traditionsreiche Kommunikationsmodell direkt in der Kunsthalle erläutert werden kann.

Und auch noch ein weiterer großer Barock-Künstler begleitete uns in unserer täglichen Arbeit im Führungslehrgang: Peter Paul Rubens. Sein Ausspruch, den wir in der Kunsthalle kennengelernt hatten, war uns in unserer Projektarbeit Ansporn, Ermunterung und Quelle der ironischen Selbstbetrachtung:

„Mein Talent ist so geartet, dass keine Unternehmung, sei sie noch so groß und mannigfaltig im Gegenstand, mein Selbstvertrauen jemals überstiegen hätte.“

In diesem Sinne: Guten Appetit!

Von Dr. Christina Jetter-Staib